Wir werden aus Bioabfall klimaneutralen Kraftstoff erzeugen

Unternehmen

Von: Peter Unfried

17.06.2009

Interview vom stellvertretenden Chefredakteur der taz mit der BSR-Vorstandvorsitzenden Vera Gäde-Butzlaff über ihren Bedarf an innovativer CleanTech, der Positionierung der Berliner Stadtreinigung als Umweltbetrieb und ihren persönlichen Öko-Faktor

Vera Gäde-Butzlaff, Vorstandvorsitzende der BSR

Vera Gäde-Butzlaff (54), ist Vorstandsvorsitzende der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR).
Sie war zuvor Richterin und (parteilose) Staatssekretärin im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt von Sachsen-Anhalt. Sie ist Mitglied des Berliner Klimaschutzrates, verheiratet und Mutter einer Tochter. Die BSR hat rund 5.000 Mitarbeiter. Sie ist Mitglied der CleanTech-Initiative.

Frau Gäde-Butzlaff, Sie bekennen sich zur Nachhaltigkeit und sehen die BSR als "Umweltbetrieb". Was tun Sie dafür genau?

Vera Gäde-Butzlaff: In unserem Kerngeschäft Müllabfuhr wollen wir den Müll so umweltfreundlich wie möglich verwerten, auch als Energiequelle, um fossile Energieträger wie Kohle zu ersetzen. Das ist ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Aber es geht auch darum, im gesamten Unternehmen nachhaltiger zu werden. Dazu gehören die Gebäude und auch unser Fuhrpark, der einer der Größten in Berlin ist. Unsere zweite Kerntätigkeit ist das Säubern der Straßen. Dieses ist verbunden mit Problemen wie Staub und Lärm. Gerade in diesem Bereich wollen wir Entwicklungen forcieren, die die Emissionen minimieren.

Sie unterstützen die Berliner CleanTech-Initiative, die helfen will, dass technologische Lösungen für die Klima- und Umweltprobleme der Gegenwart gefunden und marktreif gemacht werden. Warum?

Wir haben die gleichen Ziele wie die CleanTech-Initiative. Als Vorzeigeunternehmen im Klimaschutz sind wir an der praxisnahen Erprobung innovativer Umwelttechnologien interessiert. Im Rahmen der CleanTech-Initiative sehen wir uns als strategischer Partner für junge Unternehmen, die eine Idee haben, aber nicht die Möglichkeit, diese weiter zu entwickeln und in der Praxis zu testen.

Wen unterstützen Sie bereits?

Wir haben einen „Letter of Intent“ mit dem Königs Wusterhausener Technologie-StartUp-Unternehmen SunCoal abgeschlossen. Dieses Unternehmen hat die Idee, aus Biomasse wie Laub „grüne“ Kohle herzustellen. Also erneuerbaren Kohlenstoff - und das CO2-neutral. Das ist interessant für uns, da wir große Mengen Laub einsammeln und bisher die im Laub enthaltene Energie noch nicht nutzen. Wir haben eine ganze Liste von Projekten, bei denen wir sowohl mit bestehenden Unternehmen wie auch mit Newcomern Innovationspartnerschaften eingehen, deren Ideen in engem Bezug zu unserer Arbeit stehen. Unsere Tochter „Gesellschaft für Entsorgung und Technologie“ – kurz GET - ist da die Schnittstelle nach außen, offen für Ideen, Kooperationsmöglichkeiten und wenn die Entwicklung über das Versuchsstadium hinaus ist, für strategische Partnerschaften.

Was könnte denn ein StartUp für Sie erfinden?


Nehmen Sie unsere Laubbläser. Mit dem Besen kann man nicht alles Laub wegfegen, es sei denn man hätte Tausende mehr Arbeitskräfte, wir sind nun mal die laubreichste Stadt in Deutschland. Die Laubbläser sind aber leider sehr laut. Wenn da ein wesentlich leiseres Gerät entwickelt würde, das wäre großartig.
Es gibt aber auch Kooperationen mit etablierten Firmen bspw. aus der Fahrzeugbranche. Wir wollen z.B., dass unsere Fahrzeuge weniger Treibstoff verbrauchen. Die Müllautos verbrauchen insbesondere beim Ladevorgang sehr viel Kraftstoff. Da suchen wir neue, verbrauchsärmere Lösungen.

Sie schulen inzwischen auch Ihre Fahrer. Da werden die nicht begeistert sein - oder?


Da täuschen Sie sich. Mag sein, dass erfahrene Fahrer am Anfang sagen: Lasst mich bloß in Ruhe, ich kann Auto fahren. Aber auch die merken schnell, dass man mit ein paar neuen Tricks viel Kraftstoff sparen kann. Da sind wir erst am Anfang, aber davon versprechen wir uns noch eine ganze Menge.

Was brauchen Ihre Müllwagen im Jahr?


Zusammen brauchen die Müllfahrzeuge - wir haben ja auch noch zahlreiche andere Fahrzeuge - rund 3 Millionen Liter Diesel im Jahr. Wenn wir unsere geplante Biogasanlage haben, können wir jährlich 2 Millionen Liter Diesel durch Biogas-Kraftstoff ersetzen. Das gibt uns die Möglichkeit, nicht nur leiser und klimaverträglicher zu fahren, sondern auch unabhängig zu werden von den schwankenden Preisen auf dem Markt und ökonomisch vertretbar unseren Erdgasfahrzeugbestand von 50 auf 150 zu verdreifachen.

Wann kommt diese Biogasanlage?


Die Biogasanlage soll spätestens 2011 in Berlin-Spandau in Betrieb gehen. Im Moment sind wir im Ausschreibungsverfahren. Das Grundstück steht fest. Wir haben früh den Kontakt mit den Betroffenen gesucht, das sind die Besitzer der Kleingärten in der Nähe. Wenn wir auf Veranstaltungen erklären auf was für einem hohen umwelttechnischen Niveau diese Anlage sein wird, führt dies jedes Mal zu einer positiven Resonanz. Die Geruchsbelästigung wird unter der Irrelevanzgrenze bleiben.

Clean HiTech?

Absolut. Saubere Technologie, mit der wir den Berliner Bioabfall vergären, in klimaneutrales Biogas umwandeln und damit unsere Müllfahrzeuge antreiben. Zusätzlich entsteht aus den Gärrückständen noch wertvoller Kompost. Das ist dann Kreislaufwirtschaft im reinsten Sinne.

Was planen Sie noch?

Zum Beispiel eine Holzhackschnitzelheizung, die die vielen Berliner Weihnachtsbäume energetisch nutzt, die wir einsammeln. Auch damit sparen wir fossile Energieträger und CO2 ein.

Ein Weihnachtsbaum, zwei Bescherungen?

Ja, wir werden aus Ihrem Weihnachtsbaum Energie erzeugen.

Wo erreichen Sie die Grenzen der Nachhaltigkeitssteigerung?


Die Grenzen sind in der Wirtschaftlichkeit. Ich bin überzeugt, dass Ökonomie und Ökologie sich nicht ausschließen, aber wir können nicht aus Begeisterung für eine innovative Technik z.B. statt 120.000 Euro jetzt 400.000 Euro für ein Fahrzeug investieren. Wir sind auf Technologien angewiesen, die auch wirtschaftlich sind.
Wir wissen, dass unsere Fahrzeuge und unsere Entsorgungsanlagen Schadstoffe erzeugen. Aber wir wollen das soweit minimieren wie wir können.

Bei der Müllverbrennung.


Ja. Wenn Sie an die 70er Jahre denken und die Widerstände gegen Müllverbrennung, damals war es berechtigt. Heute ist die Situation ganz anders. Hausmüll wird effizient genutzt, um Energie zu erzeugen. Wir ersetzen also fossile Energie durch Energie aus Abfall.

Können Sie Zahlen nennen?

Allein durch unser Müllheizkraftwerk in Ruhleben versorgen wir 63.000 Berliner Haushalte mit Strom und 31.000 Haushalte mit Wärme und das alles mit einem hohen energetischen Wirkungsgrad und Umweltstandards, die höher sind als die von Zementfabriken oder Braunkohlekraftwerken. In dem Bereich ist ein Quantensprung erreicht worden.

Sind Sie persönlich eine Öko?


Ich würde mich nicht als Öko bezeichnen. Ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass ich privat nur ökologisch korrekt lebe. Aber ich habe schon ein Bewusstsein dafür, dass unsere natürlichen Ressourcen endlich sind. Beispielsweise versuche ich sparsam mit Strom umzugehen und auch möglichst oft den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Vor allem auch durch die Tätigkeit bei der BSR ist mein Blick geschärft.

Sie waren als Staatsekretärin in Sachsen-Anhalt auch für Umwelt zuständig. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht?


Ich habe im Zuge meiner Beschäftigung mit Altlasten im Chemie-Dreieck Sachsen-Anhalts gesehen, was Menschen alles an Umweltzerstörung anrichten können. Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich auch die Kosten für die Altlastensanierung verhandelt. Wenn man zum Beispiel im Raum Bitterfeld den Untergrund wieder so herstellen wollte, dass man ihn als bedenkenlos bezeichnen könnte, dann würden die Kosten in einer Größenordnung liegen, die nicht finanzierbar ist.
Ein weiteres Beispiel für die Umweltsünden der Vergangenheit sind die drei von West-Berlin genutzten Deponien. Deren Sanierung durch die BSR kostet schätzungsweise 400 Millionen Euro und bedarf darüber hinaus einer jahrzehntelangen Deponienachsorge.
Auch hier sieht man, wie wichtig nachhaltiges Handeln ist. Von daher ist die Bedeutung des Films "An Inconvenient Truth" von Al Gore nicht zu unterschätzen. Mit diesem Film ist es gelungen, das Thema Klimaerwärmung in die breite Öffentlichkeit zu tragen.

Und Sie wollen keine Öko sein?

Also, wenn man meinen beruflichen Werdegang einschließt, würde ich sagen, dass ich ökologisch bewusst bin. Das gehört bei mir auch nicht einfach zum Job, sondern da ist sicher auch Überzeugung und Engagement dabei.

Brauchen wir eine Klimakultur, also einen Öko-Faktor im Lebensstil?

Ich persönlich ärgere mich, wenn ich abends im Büro die hell erleuchteten Flure sehe. Aber ich bin da vorsichtig mit Verurteilungen. Klimabewusstsein kann man nicht mit der Brechstange anordnen. Und Vorbildfunktion fängt in Unternehmen immer oben an. Die BSR tut viel im Umweltschutz, aber wir sind längst nicht am Ziel. Wir haben zum Beispiel ein preisgekröntes Niedrigenergiehaus mit Solar- und Erdkollektoren gebaut. Das geht, wenn man neu baut. Aber längst nicht alle unsere Liegenschaften sind energetisch ertüchtigt.

Spüren Sie in Ihrer Branche, dass ökologisches Bewusstsein entsteht?

Ja, die Situation hat sich gewandelt. Die Abfallwirtschaft und die Straßenreinigung wurden früher eher als belastend gesehen. Heute werden diese Dienstleistungen der BSR positiv bewertet: Beim Klimaschutz, beim Einsatz neuer Technologien. Das ist ein wichtiger Punkt, warum man die BSR heute mit anderen Augen sieht. Und das ist wichtig für den Bestand der BSR.

Sie sind die Vorstandsvorsitzende eines kommunalen Unternehmens, das nicht renditefixiert ist. 2008 haben Sie 31 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet. Worum geht es Ihnen?

Wir brauchen nicht die Gewinnspanne eines privaten Unternehmens, es gibt keine Gewinnabschöpfung, der Gebührenzahler zahlt die tatsächlich entstehenden Kosten. Die Rendite ist für uns, die Gebühren niedrig zu halten. Das ist der Gewinn für unsere Besitzer, die Berlinerinnen und Berliner. Denen fühlen wir uns verpflichtet. Aber zu unserer Verpflichtung gehört es auch, ökologisch und nachhaltig zu handeln.

Sie sind Gegnerin einer Privatisierung der Müllabfuhr.


Eine Privatisierung halte ich für den falschen Weg, denn nur ein kommunales Unternehmen garantiert langfristig einen Mehrwert für Berlin – durch nachhaltiges Wirtschaften, dass heißt durch niedrige Gebühren bei gleichzeitig hohen umweltpolitischen und sozialen Standards.


Interview: Peter Unfried und Dirk Kowalski