Wir spielen im Cleantech-Segment eine gewisse Sonderrolle

Ideen

Von: Alexander Hüsing

01.07.2009

Markus Becker, Gründer und Geschäftsführer von EcoIntense spricht im Interview mit Alexander Hüsing über Umweltschutz in Unternehmen, Zufälle und das Gefühl der König der Welt zu sein.

Markus Becker, Gründer und Geschäftsführer von EcoIntense, an seinem Schreibtisch.

Herr Becker, Sie haben EcoIntense, eine Softwarelösung für Umweltmanagement, bereits 2007 gemeinsam mit Hardy Menzel und Sebastian Mönnich ins Leben gerufen. Damals sprach noch niemand von Cleantech. Was hat sich seit ihrem Start in der Branche getan?

Markus Becker: Die herausragendste Entwicklung ist, dass vor wenigen Jahren niemand gedacht hätte, dass Umweltschutz für so viele Unternehmen ein Thema ist. Damals wurde Umweltmanagement bzw. Umweltschutz in Unternehmen immer darauf reduziert, dass es eigentlich nur Geld kostet. Heute sagen viele, dass man ein Unternehmen auch nach umweltgerechten Gesichtspunkten führen und bewerten muss. Neben rein ökonomischen Gesichtspunkten wie „Wo mache ich Umsätze?“ und „Was sind meine Hauptprodukte?“ geht es inzwischen immer stärker um die Frage „Was mache ich für die Umwelt?“. Und schließlich bringt eine Ressourcenreduzierung auch meistens noch eine Kosteneinsparung mit sich. Gerade in der heutigen Zeit ist das ein sehr wichtiger Punkt für Unternehmen.

Haben Sie bei der Gründung damit gerechnet, dass diese Entwicklung kommt, oder hatten sie sich langfristig auf einen überschaubaren Markt eingestellt?

Schon als wir gemeinsam mit einem Kunststoffunternehmen die Software für den Prototypen entwickelt haben, haben wir einen großen Bedarf gesehen. Eine kleine  Marktbetrachtung bestätigte uns, dass es international einen dementsprechenden Bedarf an Softwarenlösungen rund um das Thema Umweltmanagement gibt. Mit unserer Software unterstützen wir Unternehmen bei allen Arten des Umweltmanagements. Ein wichtiger Punkt ist dabei der Ressourcenverbrauch. Viele Unternehmen machen sich inzwischen darüber Gedanken, wie viel Strom und Wasser sie verbrauchen und was mit ihren Abfällen passiert. Ein anderer wichtiger Punkt ist die rechtliche Seite des Umweltschutzes. Wir halten Unternehmen über Rechtsnormen auf dem Laufenden.

Es geht also darum, Ressourcen und Geld zu sparen?

Genau. Das ist der wichtigste Punkt. Mit unserem einheitlichen Werkzeug ist es möglich, den Verbrauch von Ressourcen zu überwachen und Transparenz zu erzeugen. So lassen sich die größten Verschwendungen erkennen und entsprechende Einsparungen vornehmen. Der letztendlich größte Nutzen für das Unternehmen daran ist, Geld zu sparen.

Wo kommt Ihre Software zum Einsatz?

Zum Beispiel bei den Berliner Wasserbetrieben. Die Wasserwerke überprüfen und steuern mit unserer Software all ihre hundert Standorte. Das sind Wasserwerke und Abwasserwerke in Berlin und zum Teil auch in Brandenburg. Überall wird überprüft, ob die unterschiedlichen internen und externen Regularien eingehalten werden und ob internationale Normen erreicht werden. Aber auch viele mittelständische Unternehmen aus dem Kunststoffbereich oder Logistiker nutzen unsere Software. Sie kaufen diese entweder als klassisches Lizenzprodukt oder mieten sie für einen monatlichen Betrag.

Einen prominenten Kunden wie die Wasserwerke zu gewinnen war sicherlich wichtig für Sie, oder?

Jede Referenz hilft uns weiter, andere Kunden von unserem Angebot zu überzeugen. Und wir haben dadurch auch eine Menge gelernt. Zum Beispiel wie lange Vertragsverhandlungen bei einem größeren Unternehmen dauern können und wie wichtig es ist, solche Verkaufszyklen durchzuhalten. Letztendlich profitieren aber auch andere Kunden von solchen Großprojekten.

Ab welcher Unternehmensgröße macht ihre Software Sinn?

Das ganze geht so ab circa 100-Mann-Unternehmen los. Ab dieser Größenordnung müssen Unternehmen meist internationale Normen einhalten und verfügen möglicherweise über bestimmte Anlagen und Maschinen, die enorme Ressourcen verbrauchen. Für kleinere Firmen kann unsere Software interessant sein, wenn sie zum Beispiel einen großen Energieverbrauch haben.

EcoIntense selbst kommt somit als Kunde noch nicht infrage?

Eher nicht. Wir setzen unsere Software allerdings intern schon ein, beispielsweise um den täglichen Stromverbrauch zu messen.

Wie schwierig war es für Sie, Geld für ihre Idee einzusammeln?

Wir hatten Glück. Im Sommer 2007 wurden wir von einem Gründerwettbewerb ausgezeichnet. Als wir die ersten 25.000 Euro eingesammelt hatten, haben wir uns schon wie die Könige der Welt gefühlt. Allerdings haben wir bald gemerkt, wie schnell das Geld weg ist, wenn man Leute einstellt. Zu dem Zeitpunkt waren wir aber schon im Gespräch mit dem High-Tech Gründerfonds und dem Business Angels Club in Berlin. Dadurch konnten wir sehen, dass eine weitere Finanzierung möglich war – vorausgesetzt, dass alles sich gut weiter entwickelt. Allerdings galt es schon eine gewisse Durststrecke zu überstehen. Für uns war von Anfang an klar, dass wir EcoIntense mit Investoren schnell voran bringen wollen. Und da gibt es, in dem Stadium in dem wir uns damals befanden, meiner Meinung nach in Deutschland keine andere Alternative als den High-Tech Gründerfonds. Wenn man bestimmte Summen braucht und nicht über gute Beziehungen zu einem Banker verfügt, sehe ich keine andere Alternative.

Wann planen sie ihre nächste Finanzierungsrunde?

Wir planen diese Ende des Jahres abzuschließen. Wir bereiten das gerade vor und sind in Gesprächen mit Venture Capitalists und hoffen damit weiter zu kommen.

Was ist ihr aktueller Eindruck: Interessieren sich Investoren derzeit stark für das Thema Cleantech?

Ich glaube dass gerade durch die Wirtschafts- und Finanzkrise die Investoren momentan eher etwas zurückhaltend sind und sich die Unternehmen  ganz genau anschauen und auf extrem professionelle Businesspläne achten. Allerdings, wenn es Finanzierungen gibt, dann sehr stark im Cleantechbereich. Wobei wir in diesem Segment eine gewisse Sonderrolle spielen. Cleantech wird sehr häufig auf Solaranlagen, Photovoltaik, Wassereinsparungen und solche Sachen bezogen. Und wir sind im Grunde ein Softwareunternehmen. Wir haben ein Modell, welches sehr schnell und sehr gut skalierbar ist und sehr schnell zu Umsätzen führen kann. Wir müssen nicht noch einen langen Forschungszyklus von zwei, drei, vier Jahren mit VC-Geld überbrücken, sondern wir können sehr schnell messbare Umsätze generieren.

Wäre denn auch strategische Partnerschaft ein Thema für Sie?

Erst einmal würden wir gerne unabhängig wachsen. Wenn wir aber eine gewisse Größe erreicht haben, kann ich mir vorstellen über eine strategische Partnerschaft nachzudenken. Die Ausgangsposition für eine gleichberechtigte Partnerschaft ist dann einfach besser. Bei anderen Cleantech-Unternehmen kann man ja sehen, dass strategische Partnerschaften sehr befruchten können. Wenn uns also der richtige Partner über den Weg läuft, sind wir bestimmt nicht abgeneigt. Unser Hauptthema momentan ist es aber aktiv den Markt zu erobern und unsere Umsätze zu steigern. Danach kann man über strategische Partnerschaften nachdenken.

Denken Sie über eine Auslandsexpansion nach?

Momentan gibt es in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum noch eine ganze Menge Potenzial, welches wir angehen möchten. Aber natürlich denken wir auch über eine Internationalisierung nach. EcoWebDesk gibt es momentan schon neben Deutsch, auch in Englisch und Spanisch. So setzt auch einer unserer Kunden die Software in einem Werk in Mexiko ein. Beim Thema Internationalisierung denken sehr viele gleich an die USA. Wir denken da eher an den osteuropäischen Raum. In den vergangenen Jahren sind viele Unternehmen in diese Region abgewandert. Aber für diese Länder gelten durch die EU-Erweiterung enorme Regularien und somit müssen auch dort Umweltstandards eingehalten werden.

Haben ihre Konkurrenten diese Märkte schon erobert?

Meines Wissens nicht. Ich bilde mir ein, den Markt sehr gut zu kennen. Wir grenzen uns von Wettbewerbern momentan sehr gut durch die Technologie und das SaaS-Konzept ab. Den Markt genau zu beobachten zählt allerdings zu meinen wichtigsten Hausaufgaben.

Was sind die nächsten wichtigen Schritte für EcoIntense?

Neben der Weiterentwicklung der Software bauen wir parallel ein Partnerprogramm mit Umweltberatern auf, die schon seit vielen Jahren auf diesem Gebiet tätig sind. Ziel ist es, Unternehmen noch stärker mit professionellem Content versorgen zu können. Wir wollen eine Plattform anbieten, auf der Unternehmen sehr effizient mit Beratern zusammenarbeiten können. Dafür konnten wir bereits einige Umweltberater gewinnen, suchen aber noch weitere in unterschiedlichen Bereichen. So gewinnt jeder der Partner und kann sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Wir stellen Beratern die Software und die Plattform bereit und diese können Kunden zum Thema Umweltmanagement beraten.

Haben Sie das Gründer-Gen, oder war das eigene Unternehmen eher Zufall?

Ich hatte nie vor, ein Unternehmen zu gründen. Ich bin da ebenso wie meine Mitgründer einfach so reingewachsen. Wenn man so will, war es ein geplanter und gesteuerter Zufall. Ein Schlüssel für den Erfolg bei uns war es, dass wir sehr schnell gemerkt haben, wo die Leidenschaften und Fähigkeiten eines jeden Einzelnen liegen.

Mit der CleanTech Initiative wollen wir die Branche stärken. Was sind ihre Wünsche?

Ich finde es sehr wichtig, dass man auch in diesen Bereichen ein entsprechendes Netzwerk aufbaut. Aber nicht zu stark gießen, sonst geht das junge Pflänzchen unter. In anderen Branchen gibt es sehr erfolgreiche Netzwerke. Im Cleantechbereich ist so etwas in den letzten Jahren noch nicht entstanden, aber der Bedarf ist sicherlich da. Gerade weil immer mehr Unternehmen in diesem Bereich dazu kommen. Cleantech umfasst längst nicht mehr nur Solar- und Windkraft, sondern es entstehen immer vielfältigere Bereiche. Möglicherweise umfasst Cleantech in zwei oder drei Jahren noch viel mehr.

ZUR PERSON
MARKUS BECKER studierte in Kaiserslautern und Berlin Wirtschafts- und Umweltinformatik. Sein Studium schloss er mit einem Master of Science ab. Danach arbeitete er beim Aufbau eines Umweltmanagements der Daimler AG in einem Werk in Südafrika mit. Im Anschluss daran konnte er in einem Projekt für die Berliner Wasserbetriebe arbeiten und eine internationale Zertifizerung mit vorbereiten. 2007 gründete er die Berliner EcoIntense GmbH.