Wenn wir die Energie-Frage nicht lösen, haben wir in unserer Generation unsere Verantwortung nicht wahr genommen

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Von: Peter Unfried

22.06.2009

Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, im Interview mit dem stellvertretenden Chefredakteur der taz über die Lösung des Klima- und Energieproblems, seine Strategie des Sowohl-als-auch und sein Engagement für die Cleantech-Initiative

Professor Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Herr Professor Stock, Sie sind Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Warum wurden Sie Gründungsmitglied der Cleantech-Initiative?
Günter Stock: Weil ich es schätze, wenn Leute nicht warten, dass irgendwo etwas passiert, sondern die Sache selbst angehen. Das hat mir imponiert. Das Thema Energie gehört zu den ganz großen Herausforderungen, die wir zu lösen haben. Ich glaube, wir in Deutschland haben die Kapazität, einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Wie?
Zunächst ist das eine technische und physikalische Frage, eine Frage für Ingenieure. Außerdem lappt das unmittelbar in einen zweiten Großbereich über, in das Thema Klima. Und es gibt einen dritten Großbereich, das ist Landwirtschaft im weitesten Sinne. Zudem ist es ein Thema, das mit Hochtechnologie zu tun hat.

Wie lösen wir das Problem?
Wir werden Energiefragen lösen, wenn wir bereit sind, Hochtechnologie zu denken, zu erforschen und zu erproben. Insofern ist es eines der großen Themen, von denen ich glaube, dass wir sie in unserer Gesellschaft anfassen müssen und zwar interdisziplinär, also nicht nur technisch, naturwissenschaftlich, sondern mit den soziologischen und geisteswissenschaftlichen Kompetenzen, die wir in diesem Lande haben. Es ist also ein Thema, wie es besser für eine Akademie gar nicht sein könnte. Wenn wir diese Kompetenzen nicht zusammenführen, wird es keine Lösung geben. Das ist das Faszinierende: Akademien oder Initiativen, die ganz unterschiedliche Experten zusammenführen, kommen nicht mit Patentantworten.

Sondern?
In einer solchen Konstellation vollzieht sich ein Ringen, da ist es möglich, Grenzüberschreitungen zu wagen und auch mal etwas Ungeheuerliches zu denken,

Ihre Akademie setzt generell auf Cluster-Bildung. Warum?
Da gehe ich zurück zum Gründer unserer Akademie, zu Gottfried Wilhelm Leibniz. Das war der letzte Universalgelehrte. In seinem Kopf ist das Wissen der Zeit zusammengekommen. Das ist heute nicht mehr denkbar. Heute ist die Zeit der Teams, der Kooperation.
Alle großen Fragen können nur noch interdisziplinär gelöst zu werden.

Was wird aus dem Disziplinären?
Es ist wichtiger denn je, in seiner Disziplin topp zu sein. Aber es ist genauso wichtig, disziplinäre Erkenntnisse mit anderen Institutionen, mit anderen Denkwelten und Kompetenzen zu verknüpfen. Daher war der Schritt in Berlin richtig. Zunächst hat man in den 80er Jahren disziplinäre Kompetenzen aufgebaut. Und dann hat man diese Kompetenzfelder Stück für Stück  verzahnt. Da wurde echte Synergie geschaffen. Der letzte  Schritt ist die Clusterbildung, das heißt, das Zusammenfassen aller Disziplinen in einem Konsortium.

Was passiert konkret?
Cluster heißt: Es muss geforscht,, ausgebildet,  weitergebildet, und es muss ein Produkt bereitgestellt werden. Theoria cum praxi, sagte Leibniz. Also, Wissenschaft sorgfältig betreuen, aber sich dann nicht scheuen, Wissenschaft auch zur Anwendung zu bringen. Das passt für mich.

Gibt es eine Chance für ein Cluster Energie?
Wir haben in Berlin Gesundheit zu einem Cluster zusammengefasst und Kultur und Medien zu einem zweiten. Die Frage ist, ob es ein drittes Cluster geben wird und soll. Da konkurrieren momentan, wenn ich das richtig beobachte, Logistik/Verkehr und Energieforschung. Das Energiecluster wäre wohl dann am erfolgreichsten, wenn es uns gelänge, mit den Sachsen zusammenzuarbeiten. Da ist sehr viel Sonnenenergieforschung zuhause und da gab es auch bereits Bundesinvestitionen Wenn wir mit unserer Cleantech-Initiative dazu beitragen, dass der Clustergedanke auch überregional Gestalt gewinnt, dann hätte diese Initiative eine ganze Menge geleistet. Bewusstsein herstellen, Partner zusammentrommeln, neue Berührungspunkte schaffen und darauf vertrauen, dass etwas entsteht, darum geht es. Das Zusammenführen auf einer Plattform gehört zu den wichtigsten Dingen, die wir heutzutage tun können.
 
Die Soziologie ist bisher in der Klimadebatte unterrepräsentiert.
Wissen Sie, ich leide immer darunter, dass solche Debatten sehr stark disziplinär geführt werden. Plakativ gesagt: Erst machen die Naturwissenschaftler Veränderungsvorschläge. Und fünf oder zehn Jahre danach findet  eine gesellschaftliche Reflexion über dieses Thema statt. Das können wir uns nicht mehr leisten. Soziologen und Geisteswissenschaftler müssen in gleichzeitige, integrierte Diskussionsprozesse eingebunden sein. Erst sind wir technikbegeistert, dann sind wir technikängstlich und verbieten alles Mögliche? So geht das nicht.

Wie geht es dann?
Ich kann nicht Hochtechnologie produzieren und dann in Hochglanzbroschüren um Akzeptanz werben: Das ist der falsche Weg. Die Leute müssen den Denkprozess mitverfolgen. Sie müssen sehen, wie gerungen wird, wie sorgfältig abgewogen wird, auf jeder Stufe. Und wenn sie dann Vertrauen zu diesem Prozess gefasst haben und sogar Teil dieses Prozesses sind, dann kann ich erreichen, dass die Leute sagen: Ja, das ist richtig, was wir auf diesem Gebiet tun.

Ein Prozess, der von sehr vielen mitgedacht und getragen wird? Sie fordern viel.
Nur so geht es. Es ist wichtig, dass jeder eine gebildete Meinung hat und nicht einfach nur eine Meinung. Das geht nicht mehr in dieser komplexen Welt. Wir müssen uns die Mühe machen und verstehen, wie die anderen zu bestimmten Konklusionen kommen. Ich nenne das gesellschaftliche Aufklärung oder gesellschaftliche Beratung. Das ist für mich eine der  wichtigsten Aufgaben, die eine Akademie im 21. Jahrhundert erfüllen kann.

Was reizt Sie an der Energie-Frage?

Beim Thema Energie steckt alles drin. Da haben wir enorme Forschungsaufgaben vor uns. Am Ende wird es wohl so sein, dass wir gut beraten sind, keine Monokultur zu bekommen, sondern einen Energie-Mix, der regional durchaus unterschiedlich sein kann. Aber es geht längst nicht nur um die Frage: Wie produzieren wir Energie? Sondern: Wie transportieren und wie speichern wir Energie? Wie verwalten wir Energie- und Stromnetze in Europa und weltweit? Was ist, wenn die Russen das Gas abdrehen? Das sind juristische, politische und soziologische Probleme, die weit über das Nationale hinausgehen.

Was ist wenn wir scheitern?
Wenn wir die Energie-Frage nicht lösen, haben wir in unserer Generation unsere Verantwortung nicht wahr genommen.

Die Einen sagen, die Technologie werde das Problem lösen, die anderen setzen auf politische Regulierung. Die dritten sagen, die Gesellschaft müsse Dynamik einbringen. Wo stehen Sie?

Sie werden mich nicht in eine Polarisierung treiben. Mein ganzes Leben hat darin bestanden, integrativ zu wirken und Dinge zusammenzuführen. Gerade bei so einem wichtigen Thema wie Energie werde ich den Teufel tun und polarisieren. Wir brauchen eine klare politische Vision, wir brauchen Forschungsgelder, wir müssen die Soziologen und Juristen jetzt in das Thema einbinden und wir brauchen einen gesellschaftlichen Prozess. Die Zeit des Entweder-Oder ist schon lange vorbei für mich. Ich lebe in einer Welt des Sowohl-als-auch.

Sowohl-als-auch kann auch als Wischiwaschi verstanden werden.
Im Gegenteil. Das ist eben gerade nicht Wischiwaschi und auch keine Kompromisslerei, sondern die tiefe Einsicht, dass die Dinge miteinander zusammenhängen. Man kann nicht ruckzuck die Wahrheit formulieren. Wir sagen im einen Satz, dass alles mit allem zusammenhängt, und dann verlangen wir mit dem nächsten Satz - am liebsten am Biertisch - dass wir eine ganz klare Problemlösung formulieren. Das ist absurd. Wir müssen lernen, dass wir eine ohnehin schon komplexe Welt noch sehr viel komplexer gemacht haben und nun damit umgehen müssen.

Viele verzagen vor dieser Komplexität.
Einstein hat - vereinfacht - gesagt: Mache die Dinge einfacher, aber nie einfach. Man muss die Komplexität darstellen, aber am Ende darf nicht Ratlosigkeit stehen, sondern es müssen Optionen und Szenarien zu Ende gedacht sein: Was passiert, wenn ich das tue und was, wenn ich etwas anderes tue? Vor allem gilt es, die Dinge auf der Zeitachse zu denken. Nicht alles muss heute geschehen. Die Zeit als dritte Dimension ist von zentraler Bedeutung.

Warum verzagen Sie selbst nicht?
Ich kann mir Menschen nicht backen. Ich muss mit den Menschen umgehen, die mich umgeben. Wenn ich verlange, dass die alle so denken, wie ich denke, dann bin ich nicht realistisch. Menschen sind so klug wie ich, aber manchmal viel seltsamer als ich. Und ich bin manchmal seltsamer als die anderen. Es ist ein Sowohl-als-auch. Wenn man sich die nötige Ruhe nicht antrainiert hat, fällt es einem manchmal schwer. Aber man kann der Situation nur gerecht werden, wenn man an Entwicklungs- und Erziehungsprozesse glaubt, an Verantwortung und das Sowohl-als-auch.

Was treibt Sie an?
Es muss ein Impetus da sein, verändern zu wollen. Man muss sich als gestaltendes Wesen begreifen.

Sie denken in langen Zeiträumen?
Ja. Schauen Sie, ich bin in einem langen Prozess. Wann fängt man an, sein eigenes Leben zu prägen? Sagen wir, mit 16 oder 17. Wenn man Glück hat, kann man es mehr gestalten. Ich habe sicher zu den Privilegierten gehört und konnte sehr viel selbst gestalten, aber es gibt auch eine Verantwortung zu gestalten, wenn man die Möglichkeit dazu hat.

Was ist mit weniger Privilegierten?
Das geht auch bei anderen. Ich kann entscheiden, ob ich mich um 17 Uhr vor den Fernseher hocke und Fußball kucke oder ob ich auf den Sportplatz gehe und junge Leute trainiere. Dazu brauche ich keinen Bundeskanzler und keine Gesetzgebung, dazu brauche ich nur meinen Willen. Genau das gefällt mir an der Cleantech-Initiative. Die kommen und sagen: Wir machen das zusammen.

Und wenn am Ende....
Sie meinen, wenn weniger rauskommt, als unsere Träume uns suggeriert haben? Was ist dann? Dann war es trotzdem richtig, es getan zu haben. Oscar Wilde hat mal gesagt: Wir liegen alle in der Gosse. Einige von uns blicken auf zu den Sternen.

Sind Sie ein Träumer?
Im Gegenteil. Ein Hauch von Idealismus ist nicht sträflich. Er macht einen auch nicht zum Träumer.  Er gibt einem die Kraft, mit der Realität umzugehen. Die ist manches Mal schwer zu gestalten, das ist keine Frage, sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch wenn man in politischen Gremien arbeitet, die hochkompetent und sehr klug die Sache verkomplizieren und nie zu Ende bringen. Da muss man sich schon manchmal an den eigenen Impetus erinnern und sich sagen: Junge, du hast das angefangen, du weißt, wo du hinkommen willst, also bleib' jetzt auch dabei.

ZUR PERSON

GÜNTER STOCK ist seit 2006 Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.  Zuvor von 1989 bis 2005 im Vorstand der Schering AG.  Bundesverdienstkreuzträger. Studierter Mediziner. Geboren 1944 im heutigen Kroatien. Die Akademie besteht aus 200 gewählten, herausragenden Wissenschaftlern. Ziel ist die Vernetzung von Kompetenz in Fragen von herausragender wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung.