"Unternehmer sein heißt, dass man täglich aufpassen muss, nicht abzustürzen"

Unternehmen

Von: Peter Unfried und Dirk Kowalski

22.11.2009

Nikolaus Meyer ist Chef des Dünnschicht-Solarmodulherstellers Sulfurcell in Berlin-Adlershof, einem der spannendsten Solar-Startups der Gegenwart.Und er ist einer der wenigen Wissenschaftler, die eine Unternehmensgründung gewagt haben. Warum? Und wie?

Herr Dr. Meyer, was war Ihr Antrieb, die Wissenschaft zu verlassen und ein Unternehmen zu gründen? Das wagen ja die wenigsten.
Mein Antrieb ist älter als meine Unizeit. Ich habe Physik studiert, um dazu beizutragen, dass Energieversorgung auf Erneuerbare Energien umgestellt wird und dass Umweltschutz stärkere Bedeutung erlangt. Ich wolle die Innovation aus dem wissenschaftlichen Bereich auch zur Umsetzung zu bringen und auf diese Weise eine Relevanz für sie zu schaffen. 

Was haben Sie, was andere nicht haben?
Ich habe eine gewisse Offenheit für Menschen mitgebracht und für Möglichkeiten, die man hat in dieser Gesellschaft. Aber ich mußte viel lernen, das ist klar. Ich bin aus der Hochschule in dieses Unternehmen. In der ersten Finanzierungsrunde mußten wir gleich 16 Millionen Euro aquirieren, in der bisher letzten waren es 85 Millionen. Ich hoffe schon, dass ich in diesen Jahren einiges gelernt habe und mit dem Unternehmen gewachsen bin. Aber wir haben uns auch viele Kompetenzen hereingeholt.

Sie haben als Wissenschaftler eine Dünnschichttechnologie so weit entwickelt, dass man an die Umsetzung gehen konnte?
Ich habe ich teilweise dazu beigetragen. Es war im Wesentlichen die Arbeit einer großen Forschungsgruppe in den 90ern am damaligen Hahn-Meitner- und heutigen Helmholtz-Zentrum. Das erreichte  im Jahr 2000 einen Stand, dass man sagen konnte: Jetzt ist es reif, um es zur Anwendung zu bringen - bei allen Hürden, die noch bevorstanden. 

Und da kamen Sie ins Spiel?
Ja. Es fehlte vor allem an einem unternehmerisch denkenden Treiber für die Ausgründung einer Firma. Die Rolle habe ich sehr gerne angenommen. Mich hat das immer angetrieben. Aus dem Labor in die Großserienfertigung, diesen Prozess zu begleiten und zu steuern, das wollte ich machen. 

Wo kommt Ihr Umweltbewußtsein her?
Ich habe in den 80ern angefangen, mich für Politik zu interessieren und hatte sehr schnell das Anliegen, dazu beizutragen, dass nachhaltiger gewirtschaftet wird.

Es ist für viele unserer Mitarbeiter wichtig, sich mit einer spannenden Technologie zu beschäftigen. Es ist aber für viele auch sehr wichtig, dass wir das in einem Bereich tun, den wir als sinnvoll und wichtig erachten. Die Kombination Technologie und Nachhaltigkeit, Technologie und Solarenergie,  treibt uns an und hat auch viel mit dem Spaß zu tun, den wir hier bei der Sache haben.

Sie suchen Sinnmaximierung in der Arbeit?
Ach, ich würde das nicht zu dramatisch aufladen. Was mich persönlich angeht: Steckdosen wollte ich nicht vermarkten. Wenn man auf den Arbeitsmarkt blickt, so sieht man, dass die Solarbranche tatsächlich große Attraktivität auf die Bewerber ausübt. Wir fragen unsere Bewerber, warum sie zu uns wollen. Eine häufige Antwort: Wir wollen etwas für die Erneuerbaren tun. Aber das ist ein Motiv unter mehreren und für den Erfolg überhaupt nicht ausreichend. Wichtig war, dass wir unternehmerisch klug gehandelt und eine Firma vernünftig und effizient aufgebaut hatten, da war Umweltbewußtsein nicht alles. 
 
Waren Ihre Eltern Ökos?
Ich komme aus einem Beamtenhaushalt, einem politisch interessierten Elternhaus, nicht mehr und nicht weniger.
 
Die Solarbranche verdankt ihren Aufstieg zu einem beträchtlichen Teil dem Erneuerbare Energien-Gesetz der damaligen Rot-Grünen Regierung. Nun regiert aber Schwarz-Gelb.
Die letzte Novelle des EEG wurde parteiübergreifend verabschiedet, das zeigt, dass  unsere Argumente gehört werden. Aber es stimmt: Radikale Schnitte hätten verheerende Auswirkungen auf die Solarindustrie.

Warum?
Erstens läuft  die Förderung sowieso aus und nimmt jedes Jahr um 10 Prozent ab. Gleichzeitig haben wir niedrige Modul- und Systempreise, daher kann man sehr ordentliche Renditen erwirtschaften. Aber was ist der Hintergrund? Vor allem, dass große asiatische Konzerne mit Preisen auf den deutschen Markt preschen, die unter wirtschaftlichen Aspekten nicht darstellbar sind. Die Chinesen bekommen Milliarden Staatskredite und schieben Produkte in den Markt, die nicht kostendeckend sind. Das verschiebt eine ganze Menge. Die Margen der Hersteller, die 2008 noch hoch waren, sind jetzt minimal oder negativ. Streiche ich das EEG drastisch, bewirke ich, dass noch mehr Produktion nach Asien abwandert und dass ich mich der chinesischen Industriepolitik unterwerfe. Wollen wir das oder wollen wir dafür sorgen, dass auch in der Produktion vernünftige Qualitäts-, Umwelts- und Sozialstandards haben und Kostensenkung durch Innovation entsteht und nicht durch Staatskredite, wie das in China üblich ist?

Ein altes Argument lautet, dass der Anteil der Photovoltaik so gering sei, dass sich der Aufwand nicht lohne.
Wir haben eine expotentielle Zunahme von Solarenergie. Wir waren verschwindend klein, wir nähern uns zügig dem 1 Prozent-Punkt. Und mit den Wachstumsraten, die wir haben, ist es nicht unrealistisch, dass wir relativ schnell auf 8 bis 12 Prozent Beitrag zur deutschen Stromversorgung kommen.  Es wird sicher noch dauern, bis Erneuerbare Energien komplett die Stromversorgung übernehmen können. d.h. man wird noch moderne Kraftwerke zusätzlich auf absehbare Zeit nutzen müssen, die mit fossilen Energieträgern arbeiten. Wir werden einen Energiemix brauchen, aber darin spielt die Photovoltaik als eine Art der dezentralen Stromversorgung eine wichtige Rolle. Die ganze Diskussion läuft mir immer noch zu ideologisch.

Was ist für Sie ideologisch?
Es ist ideologisch, wenn man ohne fundierte Kenntnis der Entwicklungen der Solarbranche unterstellt, sie sei notorisch Fördermittel-abhängig und getrieben von Idealisten, die von wirtschaftlichen Zusammenhängen nichts verstünden. Das ist die Argumentation aus den 80ern. Sie wird der heutigen Branche und der internationalen Trendwende überhaupt nicht gerecht.
 
Herr Meyer, warum benutzt Sulfurcell Sulphur, also Schwefel zur Herstellung seiner Module?
Eine herkömmliche Solarzelle ist aus Silizium. Das hat eigentlich keine ideale Eignung für Solarzellen, weil es schwach absorbierend ist und man viel Material braucht, um das Sonnenlicht in Strom umzuwandeln. Wir arbeiten mit einer Dünnschicht mit dem Hundertstel der Dicke einer Siliziumzelle. Die wird auf Glas aufgetragen. Das ist material- und energiesparend. Ein zentrales Element dieser Technologie ist Schwefel. Wir fanden Sulfurcell einfach einen einen guten Namen. 

Warum nimmt man Silizium, wenn es nicht optimal ist?
Weil Silizium der Grundstoff für die komplette Halbleiterindustrie ist, mit gewaltiger Anwendungsbreite. Es gibt inzwischen diverse Unternehmen, die nicht Silizium, sondern andere Materialien nutzen, die hochabsorbierend sind, also schwarz und nicht blau oder metallisch und daher die Funktion von Silizium in einer hundertmal dünneren Schicht übernehmen können

Was ist der entscheidende Vorteil für den Kunden?
Für uns ist das Zentrale, dass wir Solarenergie wirtschaftlich machen wollen und daher mit energie- und materialsparenden Materialien arbeiten müssen. Für den Kunden ist wichtig, dass er gute und langfristige Qualität zum günstigen Preis bekommt. Das können wir bieten. Und ein Dünnschichtmodul sieht einfach besser aus. Vor allem, wenn es von uns kommt. Wir bieten etwas an, was neben der Stromerzeugung noch andere Funktionen übernehmen kann. Damit kann man die Wirtschaftlichkeit weiter steigern. Es wird immer wichtiger, Photovoltaik bei Bauprozessen frühzeitig zu berücksichtigen. Da bieten wir befriedigende und sehr ästhetische Lösungen.

Ihre Module haben Nadelstreifen. Ist das Ästhetik oder auch Funktion?
Beides. Die Nadelstreifen dienen der Verschaltung einzelner Solarzellen zum Modul.

Jeder Nadelstreifen ist eine Solarzelle, wir haben 82 auf dem Modul.

Und der Architekt schätzt es, dass wir ihm gleichmäßige Glasflächen liefern, die nicht nach elektronischen Elementen aussehen oder vielschichtig reflektieren.

Sind die Module inzwischen auch Prestigekonsum?

Nein, es ist ein Investionsgut. Man kauft es, weil es sich rechnet. Das ist der Treiber Nummer 1. Über das EEG ist sichergestellt, dass ich für jede Kilowattstunde Strom aktuell 30 Cent bekomme. Das ist der Grund, warum der deutsche Markt so groß ist.

Ihre Module haben eine geringere Flächenleistung als Silizium-Modul.

Wir arbeiten noch an unserer Flächeneffizienz. Die Technologie ist noch jünger, wir haben da noch viel Entwicklungspotentialchritte .  Aber das ist der einzige Punkt: Sie brauchen etwa 50 Prozent mehr Platz. Aber ansonsten haben wir: Besserer Preis, äthetischeres Produkt, Speziallösungen.

Wie arbeiten Sie jetzt noch mit dem Helmholtz-Zentrum zusammen?
Aktiv und produktiv.

Konkret?
Zum Beispiel modifizieren wir gerade die Zusammensetzung unserer Absorberschicht. Die Prozesse wurden auf Laboranlagen im Helmholtz-Zentrum erprobt und optimiert. Wir übernehmen die und kümmern uns darum, dass man im Massenbetrieb gleichmäßige und gute Ergebnisse erzielt. Grundsätzlich formuliert: Wir machen keine wissenschaftliche Forschung, wir kümmern uns um den Transfer aus dem Wissenschaftsbereich in die industrielle Anwendung. 
 
Wo stehen Sie?
Das Produkt ist fertig und wir verbessern es kontinuierlich. Wir verkaufen es seit 2005 mit allen üblichen Zertifikaten. Unsere Investoren haben auch nicht in Sulfurcell investiert, um in Entwicklung zu investieren. Im wesentlichen sind wir Produzent. Wir haben bis Ende letzten Jahres eine Pilotproduktion betrieben und sind jetzt in der Errichtung einer Serienproduktion. Die wird im Endausbau 75 Megawatt an Solarmodulen im Jahr fertigen. In unserer kleinen Linie machen wir derzeit etwa 2 Megawatt. 

Sie wachsen gewaltig.
Wir haben in den letzten zwölf Monaten 80 Leute eingestellt und sind jetzt 200 Mitarbeiter. Das ist normal. Wir sind ja in einer frühen Wachstumsphase.

Welche Gefahren kommen grade auf Sie zu?
Es gibt einen Einfluß  der allgemeinen Marktentwicklung. Eine Veränderung des EEG oder chinesische Dumpingpreise wären negativ für uns - auch wenn wir für beides Strategien haben. Aber wenn Sie mich so fragen: Ich kenne kein völlig ruhiges Fahrwasser in den letzten acht Jahren. Unternehmer sein heißt, dass man täglich aufpassen muss, dass man nicht abstürzt. Das gehört zu diesem Job und ist der wichtigste Unterschied zum Dasein als Wissenschaftler.

Ihre 85 Millionen Euro-Finanzierung war im letzten Jahr die europaweit größte Cleantech-Finanzierung in dieser Wachstumsphase. Mit welchen Argumenten überzeugen Sie die Investoren, etwa den Halbleiterproduzenten Intel oder die Energiekonzerne Gas de France und Vattenfall?
Unsere Investoren machen keine Startups, sondern Wachstumsfinanzierung. Das ist Private Equity. Das sind Fonds, die das Geld geben. Es war für die essentiell, zu sehen, dass wir einen Produktionshintergrund haben, dass wir im Markt sind mit unseren Produkten, dass das Produkt fertig ist. Anders können Sie solche Beträge nicht bewegen. Unsere Investoren kommen aus ganz Europa und aus Kalifornien. 

Das heißt?
Das heißt, wir sind in Europa einigermaßen bekannt und haben ein Produkt das viele anspricht. Was den Bereich Dünnschichtmodule angeht, haben wir eine lange Geschichte: Wir waren eine der ersten. Man traut uns viel zu.
 
Wie weit kommen Sie mit 85 Millionen?
Das Geld bringt uns in eine Cash Flow Positiv-Situation. Wir haben gerade ein neues Firmengebäude fertiggestellt. Da sind diese Millionen zu einem sehr großen Teil eingeflossen. Da können Sie auch unsere Fassadenmodule sehen. Sie sind eingesetzt wie normale Fassadenplatten, aber eben mit einem Glasmodul, das Strom erzeugt. Weiteres Geld brauchen wir für die nächsten Wachstumsschritte. 

Planen Sie internationale Produktionsstätten, z.B. in China?
So etwas kann nie alleine durch niedrigere Personalkosten getrieben sein. Da wäre der Vorteil vielleicht 5 oder 8 Prozent Einsparung. Das sollte ich durch Technologie oder höhere Produktivität kompensieren können. Aber man kann nicht die Welt allein von Berlin aus beliefern, das ist klar.

Sie sagten unlängst, Berlin sei führend in Innovation, aber nicht in Anwendung, also in Unternehmen und Industriearbeitsplätzen. Was fehlt?
Es fehlt an unternehmerisch denkenden Wissenschaftlern. Sicher ist Kapital heute wieder knapper geworden. Technologie-orientierte Unternehmen brauchen in der ersten Phase schon relativ viel Kapital. Das ist nicht wie bei einem Softwareunternehmen, wo sie nur einen Rechner brauchen. Sie brauchen Ausrüstung, Material, da ist man schnell bei einem Kapitalbedarf von mehreren Millionen. 

Das zu aquirieren... 
...ist schwer, keine Frage. Die meisten Innovationen sind auch bei weitem nicht anwendungsreif. Das heißt, sie haben eine lange Phase zwischen Labor und profitabler Unternehmung. Man braucht ein Team, das sich mit der Sache identifiziert, man braucht Trieb und Drive. Aber wir sind ein Beispiel, dass es geht. Man kann viel erreichen als Wissenschaftler, wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt und nicht wartet, bis man seine Technologie mal irgendwo hin lizenziert. Das klappt halt nur sehr selten. 

Der Mensch
Nikolaus Meyer, 38, ist Gründer und Geschäftsführer von Sulfurcell Solartechnik, einem der drei weltweit führenden Hersteller von CIS-Dünnschicht-Solarmodulen. Meyer, geboren 1971, wuchs in Freiburg auf, studierte Physik in Hamburg und Berlin sowie Betriebswirtschaft an der Universität Hagen. Er promovierte am Hahn-Meitner-Institut. Lebt in Berlin-Friedrichshain.

Das Unternehmen
Sulfurcell hat 200 Mitarbeiter. Gerade ist eine neues Firmengebäude im Wissenschafts- und Technologiepark Berlin-Adlershof fertig geworden. Dort startet  in diesen Wochen die Serienproduktion der Dünnschichtsolarmodule. Sulfurcell wurde 2001 in Berlin gegründet und produziert und entwickelt seit 2003 Dünnschichtsolarmodule aus Chalkopyrithalbleitern (CIS/CIGSe) zur Umwandlung von Sonnenenergie in Strom. Der wissenschaftliche Kern des Unternehmens wurde im Berliner Hahn-Meitner-Institut erarbeitet, dem heutigen Helmholtz-Zentrum, Europas größter Forschungseinrichtung für Dünnschichtphotovoltaik.